Samstag, 10. August 2013

0a. Klingsiel, die erste Variante (abgebaut im März 2020)

Schlussendlich erreicht unsere Bahn das Hafenstädtchen Klingsiel! Nach der Nordgaster Mühle kommt als erstes die kleine Kirche in den Blick, eine alte aus Natursteinen und Ziegelmauerwerk errichtete Kirche. Dazu wurden ein Auhagenbausatz abgewandelt (neues Turmdach, neues Kirchenschiffdach) und mit Farbe und Inneneinrichtung versehen. 





 Alte Seemannsgräber an der Seite des Kirchenschiffs:








Sie gibt die gedrungene Bauweise in unterschiedlichen Baumaterialien recht gut wieder, die viele Kirchen z.B. im Land Wursten, aber auch in anderen Gegenden Norddeutschlands haben, wie z.B. dieses Kirchlein in Gyhum zwischen Bremen und Sittensen:




Zuvor stand an dieser Stelle eine andere Kirche, die mir an dieser Stelle und mit den Nachbargebäuden aber nicht mehr recht gefiel. Sie ist aber auf einigen der folgenden Fotos, tlw. auch im Hintergrund, noch zu sehen:
 
 

Die Kirche war ein umlackiertes und patiniertes Fallermodell. Genauso stammt das Empfangsgebäude von Faller, dort war es als Arbeiterwohnhaus im Programm. Bei mir wurde es mit einer altertümlichen schmiedeeisenernen Bahnsteigdachkonstruktion und mit einer direkt angebauten Fischauktionshalle und Kühlhaus versehen, dieses entstammt einem Güterschuppen von Auhagen. Noch ohne angebaute Fischauktionshalle ein Bild aus der Bauzeit:


Vor der Kirche, der alten wie der neuen, der große Platz, dessen Mitte ein Denkmal ziert: Die Meerjungfrau vom Klingsieler Grund. Sie soll der Legende nach einst Kähne in die Untiefen des Wattenmeeres vor Klingsiel gelockt haben. Die Einheimischen sollen mit diesen Strandungen ein nicht schlechtes Auskommen gehabt haben, böse Zungen sprachen von Strandräuberei... Jedenfalls ist diese Legende den Heimischen ein Denkmal wert, auch und gerade auch direkt gegenüber der Kirche. 
Auch hadert man kirchlicherseits mit der Größe der Kirche, insbesondere mit der Höhe des Kirchturmes. Ist dieser doch geringfügig niedriger als die Mühle der benachbarten Nordgaster Mühle.



Heute dient das Denkmal vor allem Tauben und Möwen als Lande- und Ruheplatz, wie überhaupt hier an der Küste jeder Dachfirst deutliche Spuren zahlreicher fliegender Küstenbewohner trägt.

Der Bahnsteig im Bahnhof Klingsiel:



Oben im Hintergrund Fassaden von Patrizier- und Kontorhäusern, durch einen schmalen Fußweg, dem "Hansepad" von den Gleisanlagen getrennt. Als die Gleise nach Klingsiel kamen, wollten maßgebliche Kreise die Gleise und den Bahnhof am Hafen, um letzteren auch an das Schienennetz anschließen zu können. 
Die Häuser sind wie auch in Bremen oder Stade häufiger zu sehen von beiden Giebelseiten erreichbar, so dass Fuhrwerke auf der gedachten Rückseite auf breiterem Weg die Häuser erreichen können. Die Modellfassaden entstanden aus Bausätzen von Holland Scale und Kibri.

Auch neueste Technik wird auf der Kleinbahn erprobt, ein Akkutriebwagen AT3: 


Bei der Gelegenheit beginnen wir einen Rundgang rund um den Bahnhof. Zunächst Perspektiven von der Gleisseite und dem Hansepad, die man als Betrachter der Segmente so nicht sehen kann:



Hier nochmal das alte, mittlerweile ersetzte Kirchlein zwischen Bahnhof und Holländermühle und noch ohne Hansepad-Bebauung, links nochmal der AT3:


Vorne dann der Bahnsteig mit den damals so beliebten Bahnhofswirtschaften:







Im letzten Bild erkennt man schon das angebaute Kühlhaus mit Fischauktionshalle von Anno Hinrichs:


Nebenan ein kurzes Stück Freiladegleis, hier können Fuhrwerke direkt auf bereitgestellte Güterwagen umladen:


Hier beginnen die Hafenanlagen von Klingsiel. Wegen der Brandgefahr dürfen Lokomotiven hier nicht weiter. Um die Güterwaggons im Hafen bewegen zu können, gibt es an der Kaje eine Wagendrehscheibe (früher Kibri, von mir mit Peco-Schienenprofilen ausgestattet), ein Rangierspill von D.I.T.-Modell sowie Rangierpferde.

Zentrales Hafengebäude im Hafen Klingsiel ist mein Speicherhaus mit angebautem Kontorhaus, beides auch aus dem Fallersortiment. Auch hier entstand ein Kitbashing-Modell mit einseitig offenem Speichergebäude, dass direkt an der Segmentkante stehend einen Einblick ins Innere des Gebäudes gewährt. Die Inneneinrichtung entstand aus Mauerwerksplatten, Balsaholz, diversen Kleinteilen von KoTol (Leitern, Ladegüter) und Preiser (Ladegüter, Werkzeuge) sowie im Erdgeschoss einem Boot im Bau von MBZ.

Ein Bild aus der Bauzeit:


Diese Ansicht auf dem Segment:






 Ein Rundgang um und in das Speicher- und Kontorhaus:


Alte Seebären beobachten das Treiben ihres einstigen Wirkungskreises. Unten ein Fassgeschirr aus feiner Bavaria-Kette und Haken und Ösen aus Messingdraht. Ein zweites Fassgeschirr hängt am Hafenkran.


 




Ein Blick zurück die Gleisanlagen entlang zum Bahnhof Klingsiel, ganz im Hintergrund die Nordgaster Mühle:



An der Kaje wird Hafenumschlag dargestellt, eine Tjalk hat angelegt und Fässer werden be- oder entladen. Tjalks waren vor einem Jahrhundert und auch schon davor die zahllosen Arbeitstiere in den Flüssen und Küstengewässern von den Niederlanden bis nach Dänemark. Das Modell stammt von Artitec und wurde für meine Bedürfnisse umgemodelt. Mithilfe von Steffen Thiemann, einem Modellbauer und Segler historischer Schiffe, gelang auch eine genauere Takelung der Tjalk, ihm sei an dieser Stelle ausdrücklich gedankt!

Tjalks sind Plattbodenschiffe, die sich ggf. im Watt oder in Tiedehäfen trockenfallen lassen können. Zunächst nur aus Holz, später auch aus Eisen gebaut überlebten viele die Zeit und waren noch bis spät ins 20. Jahrhundert hinein als motorisierte Binnenschiffe ohne Mast und Takelage unterwegs. Viele existieren noch heute, als Wohnschiffe, Leichter oder auch restauriert wieder als Segler in Norddeutschland und vor allem in den Niederlanden.

Hier zwei als Binnenschiffe umgestaltete ex-Tjalks des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz 2015 in Aurich:




Bilder meiner Tjalk:




Ältere Fotos zeigen die Tjalk an der Kaje noch ohne Festmacherleinen:



Eine Persenning schützt auf dem Meer die hölzerne Laderaumabdeckung:


Blick in die geöffnete Ladeluke der Tjalk aus ihrer Bauphase:


Der Hafen Klingsiel ist gedachtermaßen ein durch ein einfaches Tor gesicherter Tidenhafen, dessen normaler Tidenhub auch im Hafenbereich stattfindet und sichtbar ist. Nur bei Spring- oder Sturmflut wird das Fluttor geschlossen.

Das Hafenwasser ist eine Rauhfasertapete, eingefärbt mit einer Mischung aus schwarz, blau und grün. Gestrichen wird das ganze mit einer dünnen Schicht Gießharz. Darin lassen sich die Boote dann auch richtig reinsetzen und fixieren, ohne dass später Spalte zwischen Wasserlinienmodell und Wasseroberfläche sichtbar wären.

Am Heck der Tjalk macht sich Jan Haninga mit seinem Nachen zu schaffen. Er übernimmt ein 'Fässchen' Rum, dass die Schiffer dort zuvor außenbords angebunden hatten und jenseits der Augen der steuererhebenden Obrigkeit den Besitzer wechseln soll...

Da Ebbe ist, ist stellenweise der Hafenschlick zu sehen. Dieser ist echter Schlick aus dem Watt bei Dorum-Neufeld, im Ofen getrocknet und entkeimt und mit wässriger Ponallösung fixiert. Nordseebewohner haben sich dorthin verirrt. Auch wenn die Fluchtdistanz der Tiere in dieser Szene deutlich unterschritten ist, musste diese Szene für meine Tochter verwirklicht werden...:


Zum Abschluss ein Blick auf die Kaje, wo geschäftiges Treiben herrscht. Ein typischer Hafenkran ist an der Be- bzw. Entladung der Tjalk beteiligt. Eines von nur drei motorisierten Straßenfahrzeugen meiner Segmente ist ein gesuperter Büssing-Lastwagen (früher Märklin) von 1903, der hier beladen wird. Ein Güterwagen steht auf der Kaje, die Wagendrehscheibe und das Rangierspill sind zu erkennen. 








Und ohne Diskussionen geht's nicht. So diskutiert jeder seinem Alter entsprechend...


Und die Lachmöwe wendet sich ab.

Zwischenzeitlich erfuhr die Hafenszenerie ihre entgültige Hintergrundbebauung: Zwei weitere Speicherhäuser bilden mit ihren Fassaden das Hintergrundrelief. Daran befestigt der Schaltkasten für das Rangierspill:



Die ganze Szene entlang der Kaje betrachtet:




Zu erkennen auch das Rangierpferd. Im Hafen herrscht wegen Brandgefahr Dampflokverbot, das Rangieren der Wagen übernimmt das vorgenannte Rangierspill oder das Rangierpferd:





Das war die Reise mit der Kleinbahn hinterm Deich von Klockenstedt über Bürenwerder nach Klingsiel. Inspirationen und Vorbildrecherche sind wichtig und machen mir ebenso viel Spaß wie das anschließende Bauen. Für Anregungen dient meine Literatur- und Linksammlung in dieser Übersicht!

Freitag, 9. August 2013

5. Die Nordgaster Mühle


Nach dem weiten Bogen um den Zweiständerhof herum erreicht die Kleinbahn die große Nordgaster Mühle. Ein dreistöckiger Galerieholländer mit Müllerhaus und Lagerboden. 
Das Modell ist ein 'Freelance'-Nachbau der Westgaster Mühle in Norden:


Entstanden ist das Modell aus Auhagen-Baukastensystemteilen (Mauerwerk, Türen, Tore und Fenster sowohl des Müllerhauses als auch des unteren Achtkantes der Mühle), einer Fallermühle (mit selbstgefertigten Teilen des hölzernen Achtkantes aus Pappe und Schleifpapier als Teerpappenimitation) und vielen Mauerwerksplatten für die Mühle und Dachplatten für das Müllerhausdach. Dieses habe ich als in der Literatur als "blaue Dächer" bezeichnetes Dach, dass einst auf vielen landwirtschaftlichen Bauten Ostfrieslands gedeckt war, nachgebildet. "Blaue Dächer" spiegelten auf die Ferne das Himmelsblau und müssen aus dunkel lasiert gebrannten Ziegeln bestanden haben. Früher häufig, heute selten, entdeckte ich jüngst beim Glockenturm der Kirche in Greetsiel solche dunkelglänzend lasierte Dachziegel.
Bei mir entstand die Dachpfannenfarbe aus vier Teilen glänzendem dunkelblau und einem Teil seidenmattem schwarz.
Dazu jede Menge selbstgeschnitzter Kleinteile für die Windrose sowie den Fangstock mit feiner Kette von Weinert:


Erstmal eine Gesamtansicht des Müllerhauses, bevor wir ins Detail gehen mit einem Rundgang um das größte Gebäude meiner Segmente:


Die Bahn nähert sich vom Eckelement mit Vierständerhof kommend der Mühle von deren Mühlenseite und passiert zunächst den unteren Achtkant der Mühle. Mühle und Bahn trennt ein typischer Sandweg jener Zeit, der am Mühlenkomplex vorbeiführt und den Vierständerhof mit Klingsiel verbindet. Für den Sandweg fand Quarzsand von Busch Anwendung.


Die meisten Fotos dieser Serie entstanden vor dem Aufbau der Telegraphenleitung, die in der Gesamtansicht oben schon zu sehen ist. 
Von der anderen Seite bietet sich dieser Blick zurück zum Vierständerhof:



Gehen wir noch ein Stück weiter und sehen uns die Mühle von der Klingsieler Seite aus an:

Die Bahn führt hier im Hintergrund auf den wieder nur 28cm tiefen Segmenten vorbei.


Die Giebelansicht des Müllerhauses, diese ist wie beim Vorbild in Norden verputzt.


In der Tordurchfahrt des Müllerhauses direkt am unteren Achtkant der Mühle können die Getreidesäcke wettergeschützt über einen Seilzug auf den Speicherboden der Mühle gezogen werden, genauso werden die Produkte der Mühle auf gleichem Wege aufgeladen.


Vor dem Achtkant steht der Lieferwagen des Müllers abgestellt, mit dem er eigene Produkte seines Anteils ausliefert.


Ein Blick auf den seelenruhig dastehenden Schimmel des Bauern, der gerade Korn anliefert:


Sowohl dieses Pferd als auch der darüber gezeigte kleine Lieferwagen sind Modelle von Jordan Highway Miniatures und bringen etwas Abwechslung in das gewohnte Preiserbild, vor allem, wenn man Wagen und Pferde bunt mischt.

Auf der Galerie steht der Müller und schaut zufrieden in die Ferne:


Zwischenzeitlich haben die Segelflügel auch endlich ihre Segel erhalten, so dass auch bei schwachem Wind der Müller arbeiten kann. Die Segel bestehen aus sehr dünnem Krepp und wurden mäßig eingefärbt mit Serafilfäden an die Flügel geknotet:





Ein Knecht zerrt den Esel seines Bauern mit Mehlsack von der Mühle weg. Hier nimmt das Drama seinen Anfang, das später als die "Bremer Stadtmusikanten" bekannt wurde...
Esel, Hund und Hahn sind leicht zu finden, wer den vierten Protagonisten findet, hat...




...gute Augen!

Weiteres Motiv dieses Segmentes ist das Klappstau. Diese einfachen Stauwehre dienten dazu, das Wasser in den Entwässerungskanälen des Moor- und Marschlandes vor allem zwischen Weser und Elbe soweit anzustauen, dass sie mit einfachen Kähnen, den schon beim Kokermühlensegment angesprochen Viertel-, Halb- und Huntkähnen schiffbar wurden. Diese gebogenen Stauwehre waren in ihrem unteren Lager drehbar gelagert. Sie wurden von dem von oben kommenden Kahn soweit heruntergedrückt, dass der Kahn mit einem Schwung Wasser herübergleiten konnte. Aufwärts wurden die Kähne über das Klappstau gezogen, dazu war meist ein Stück Treidelpfad am Rande dieser Wehre. War der Kahn darüberhinweg, sorgte der Wasserdruck wieder dafür, dass das Klappstau hochgedrückt wurde.

Wer mehr über Schütt (einer noch älteren Stauvariante) und Klappstau erfahren möchte, folge dem hinterlegten Link.

Diese Vorbildszene regte mich zum Nachbau an:



Aus der Bauzeit des Segmentes dieses Bild, da die Einzelheiten des Klappstaus später mit dem drübergleitenden Viertelhuntkahn nicht mehr gut fotografisch einzufangen waren. Sowohl oberer als auch unterer Kanal sind noch ohne Wasser, aber auf dem leicht heruntergedrückten gebogenen Stau habe ich mit transparentem Windowcolor das herunterlaufende Wasser schon dargestellt.


Die gesamte Konstruktion ist aus feinen Eichenholzleisten aus dem Schiffsmodellbau nachgebaut, auch das Vorbild wurde aus Eichenholz gebaut.
In diesem Bereich können die Kähne nur gestakt oder gewriggt werden, da sowohl die Wegebrücke als auch die Bahnbrücke unterquert werden müssen und keinen Platz fürs braune Segel lassen. Hier wriggt Jan van Moor seinen Viertelhuntkahn, beladen mit Torfsoden, gerade über das Klappstau.








Die Torfsoden entstanden wie folgt: Aus einem Moor im Norden besorgte ich mir auf einer meiner Reisen eine Torfsode und ließ sie gründlich durchtrocknen. Anschließend schnitt ich ein Stück heraus und tränkte es mit einem Weißleim-Wasser-Gemisch und ließ auch dieses durchtrocknen. Mit einer scharfen Klinge schnitt ich zunächst Scheiben davon herunter, dann Streifen und aus diesen die Soden. Modell und Vorbild im Bild:


Die Buchseite mit den Abbildungen entstammt aus: Die Findorff-Siedlungen im Teufelsmoor bei Worpswede, Wolfgang Konukiewitz und Dieter Weiser, Edition Temmen 2012.

Die den Fleet im schrägen Winkel kreuzende Bahn bedingte eine ungewöhnliche kleine Bahnbrücke mit schräger Schwellenlage, frei nach einem Vorbild der ehemaligen Jan-Reiners-Bahn (Kleinbahn Bremen-Tarmstedt) nachgebildet, die eine ähnliche Brücke über den Torfkanal in Bremen-Findorff hatte.


Und ein Blick auf das sehr schöne Weinert "Mein Gleis", hier schon mit begonnener Patinierung während des Baus dieses Segments:



Als nächstes fährt unsere Bahn nach Klingsiel, dem letzten wieder etwas größeren Segment meiner Bahn. Als erstes kommt die Kirchwarft in den Blick mit einem typischen Kirchlein, wie es so oder ähnlich in vielen Dörfern Norddeutschlands zu finden ist.